Wer bin ich noch gleich?
- Anonym
- 30. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Wer bin ich noch gleich?
39 Jahre, die 40 steht vor der Tür. Und nun? Ich dachte eigentlich, das Gröbste ist durch. Eigentherapie ist abgeschlossen, finanziell steht man stabil da, das Haus ist trocken, Kinder sind beinahe groß, viel fehlt nicht mehr, endlich kann ich zur Ruhe kommen. Dachte ich.
Dann musste mein Vater ausgerechnet durch eine OP sterben.
Hätte er mit 20 kg weniger eher überlebt oder wenn sie ihn auf intensiv nicht bewegt hätten und mehr Heparin gegeben hätten? Hätte, könnte, wenn… Tot ist tot. Tatsächlich kann ich damit sehr gut leben. Leider hat er die Rente oder den Tod seiner Eltern nicht erreicht, was ich ihm von Herzen gewünscht hätte. Dieses kleine Gerinnsel in der Lunge und wenige Sekunden später ist nichts mehr wie zuvor.
Menschen sterben, auch Angehörige; womit man nicht rechnet, ist das, was danach kommt. Nicht die Verwaltung, das Drama ums Erbe, die Beerdigung oder die krüppelige Verwandtschaft, sondern das Drama in einem. Die Erinnerungen, die man verdrängt hat. Aus welchem Grund auch immer. Man MUSS jetzt hinsehen. Man MUSS reflektieren. Es geht nicht anders. Und da waren sie, die 11 Jahre, die ich ein Papakind war, bevor er mich fragte, wo ich wohnen möchte, bei Mama oder Papa. „Kinder gehören zur Mutter, sagte ich mit 11 Jahren.“ Er fing an zu weinen und mir war damals nicht klar, dass ich nicht nur zu meiner Mutter ging und seine Familie zurückließ, die so viel emotionalen und wirtschaftlichen Schaden angerichtet hatte und noch anrichten sollte, sondern meinen Papa zurückließ. Er war danach nie mehr derselbe. Der Mensch danach, nach dem Rosenkrieg, dessen Gene ich teile, was definitiv offensichtlich ist, war nicht mehr der, den ich Papa nannte.
Der tote Mann, der frisch aus der Obduktion, halb tiefgefroren vor mir lag, war nun offensichtlich nicht mehr ansprechbar.
Es saß das 11-jährige Ich vor dem offenen Sarg und der, dessen Körper nun wirklich für immer zu Asche werden sollte, war der, der mir das Handwerken beibrachte; das Angeln und zubereiten von Fischen zeigt, der mir die Sterne erklärte und die Natur näherbrachte und das Schwimmen beibrachte. Ich bin dankbar, dass er in den prägenden Jahren der Vater war, den man sich wünscht. Danach konnte er dies nicht mehr sein. Die Gründe sind vielschichtig. Warum ich das aufschreibe, keine Ahnung. Es ist der letzte Rest meiner Vergangenheit, meiner traumatischen Kindheit.
An dieser Stelle sei gesagt, dass ich niemandem böse bin.
Mit dem Tod kann ich sehr gut umgehen; dass meine Vergangenheit allerdings, einem massiven Meteoriten gleich, in mein frisch austherapiertes Leben einschlägt und alles noch einmal umgräbt; damit habe ich nicht gerechnet.
Meistens bringen Meteoriten ja neues Material mit, mit dem Leben neu entstehen kann. So ist es gewiss. Der Staub des Einschlags senkt sich immer mehr und die Sonne scheint hier und da auf die aufgewühlte Erde. Einige Samen beginnen zu keimen und zu wachsen. Ich hocke allerdings noch zitternd in der Höhle und traue dem warmen Sonnenstrahl noch nicht. Leider kann ich da nicht ewig hocken und das weiß ich auch. Wenn da nicht dieses „Aber“ wäre. Ja, ich würde irgendwann in der Höhle sterben, keine Frage, aber hey, hier ist es gemütlich und warm und dunkel und die Monster (an dieser Stelle sind bearbeitete Traumata gemeint (Anm. EH) in den Ecken, mit denen trinke ich abends ne heiße Milch mit Honig.
Man kennt sich halt. Da draußen, das kenne ich nicht. Sind da noch andere? Sind die nett? Ist die helle, warme Welt da draußen sicher? Was lauern da für Monster? Lieber noch eine Nacht warten. Ab morgen!!!
Ein neuer Tag:
Meine Höhle ist eine Sucht. Eine Gewohnheit, die mir schadet, die nicht gesund ist, aber mir ein kleines bisschen Sicherheit vorgaukelt. Ein bisschen Kontrolle. Ich weiß, dass es besser ist, wenn ich es lasse, dass ich glücklicher bin und gesünder.
Aber wer bin ich dann und wer bin ich jetzt?
Ich war schon immer anders. Das hat Gründe, ja, aber dieses „anders“ ist jetzt so klar und präsent und ich weiß auch, dass ich, wenn ich aus meiner Höhle krieche, einen wundervollen Garten mit vielen neuen Pflanzen und Leben finde, aber die Angst vor dem Licht, dem eigenen Licht, lähmt mich beinahe.
Ich habe Angst vor den Tränen, Angst vor dem Leben, Angst vor den heilsamen Schmerzen und weiß dabei, dass nur ein kleiner Schritt alles verändern wird. Ja, erst einmal kommt das alles, aber es wird danach besser. Ich weiß das alles und mein Schritt steht unmittelbar bevor, weil ich keine Wahl mehr habe, aber die Tage davor sind eine Qual der Angst vor dem Unbekannten. Wie das nervt!
Mein geliebtes Laster ist jeden Morgen im Café ein großer Latte Macchiato mit Hafermilch mit 1 TL Vanillinzucker und einer Prise Zimt. Dazu ein veganer Karamell-Cookie mit Salzbretzeln und Schokostücken so groß, wie meine ganze Hand.
Nun… Hafermilch macht dick, Kaffee vertrage ich nicht und Gluten, die lactoseintoleranten Leser verstehen mein Leid. Ich werde Tag für Tag schwächer, müder, blöder und depressiver. Aber, ich kenne dieses Monster der scheinbaren Sicherheit. (Anm.EH: In diesem Fall ist entscheidend, wie die Süchte/ Gewohnheiten im Kopf verknüpft sind. Für die Verfasserin ist dies ein teures und ungesundes Problem, das der Kompensation dient.)
Und dann? Dann schaue ich hinüber zum anderen Tisch. Menschen. Anders als ich und doch ganz ähnlich. Zumindest anatomisch. Sie faszinieren mich, aber meistens ekeln sie mich eher an. Besonders wenn sie mir zu nahe kommen. Im Supermarkt an der Kasse, wenn sie mir in den Nacken atmen oder ich mit meinem Ellbogen ihre Brüste unfreiwillig sanft streichele. Kein Mensch gleicht dem anderen und jeder ist auf seine Weise wunderschön, aber auch ihre Höhlen, Traumata, Erfahrungen behindern sie. Wie meine eigene Geschichte mich behindert. Wieder eine Gemeinsamkeit.
Jetzt, da ich offenbar vollends wach bin und mich umsehe, gruselt mich diese reale Welt noch mehr. Ich erinnere mich an eine Stelle aus einem Buch.
Zwei feindliche Soldaten saßen zusammen, weil Waffenstillstand über die Weihnachtstage vereinbart wurde. Der Franzose erzählte dem Österreicher, dass er für seine kleine Tochter einen Kreisel geschnitzt habe und zu Weihnachten nach Hause geschickt habe. Einige Tage später starb dieser Soldat durch einen Giftgasangriff der Soldaten, mit denen er vorher noch zusammensaß. Das ist nun über 100 Jahre her. Der Kreisel erreichte das kleine Mädchen, aber der Papa kehrte nie zurück.
Die Menschen haben seitdem offenbar nichts gelernt. Krieg und Waffen für den Frieden, Einschränkungen und Schubladen für Diversität und Entfaltung, bist du nicht meiner Meinung/ nicht mein Freund, bist du mein Feind. Schwarz und Weiß, keine Grautöne mehr; Hinterfragen und Reflexion sind zum Tabu-Thema geworden und so schaffen die Menschen statt Verbindung und Zusammenhalt, Einsamkeit. Social Media regt an, dass alle gleich aussehen. Wie die drei Frauen eben, die an meinem Tisch vorbeigingen; gleiche Kleidung, gleiche Frisur, gleiches Makeup und gleicher Schritt, wie abgesprochen; nur in der Körperfülle unterschieden sie sich. Ist das das neue „Individuell“?
Nach Avatar stiegen die Zahlen der Depressionsdiagnosen und viele berichteten, dass sie eine tiefe Sehnsucht verspürten. Es fehlt uns allen an echter Verbindung. Unsere jetzige Gesellschaft ist unnatürlich. Ich vage zu fragen; ist der ganze Konsum wirklich notwendig? In Berlin haben Aktivisten für viele Tage den Strom in Teilen der Stadt lahmgelegt, weil sie einen Strommast angezündet haben.
Eine Nachrichtensendung versuchte ein Drama herauszufiltern, aber die Menschen beschwerten sich zwar über diese Aktion und die Einschränkungen, aber begrüßten, dass sie nun ihre Nachbarn kennen und sich abends zusammensetzen und spielen, sich unterhalten und einfach beisammensitzen. Wir sind reich und doch ärmer als die Ärmsten.
Ich sehe einsame Menschen. Sehen sie das nicht?
Wie lange habe ich geschlafen, dass das so schnell passiert ist und welcher innere Anteil hat mein Leben bis hierher gelebt?
Ich bin nicht wie sie. War ich es jemals?
Mein Kaffee wird langsam kalt und der imaginäre Ring um meinen Hals, der mich noch an den Irrsinn da draußen bindet, ist wie ein Schmuckstück. Die Ketten aus Konsum, Versprechen und schönen Worten sind kaputt. Gesprengt durch viele Jahre Arbeit und Therapie und doch ist der letzte Teil noch nicht gebrochen. Dieser Ring um meinen Hals. Wenn ich diesen ablege, kann ich nicht mehr zurück. Ich weiß, wenn ich aufhöre Kaffee zu trinken und Kekse zu essen, dann gehe ich einen anderen Weg, so absurd das klingen mag. Diese letzte Hürde, dieser letzte kleine Schritt wird derart durch Angst gelähmt. Ich habe Angst vor den Tränen und Angst vor dem Schmerz, auch wenn ich weiß, dass danach alles besser wird, anders, aber besser wird, bin ich gelähmt. Nehme ich die rote oder die blaue Pille (aus Matrix), habe ich den Mut den neuen Weg zu gehen? Ich bin dann wieder verbunden mit Mutter Natur und dem Himmelsvater, ich bin wieder ein Teil dieser Welt, ich kann mich fühlen und andere unterstützen auch den letzten Schritt zu machen (einer von immer wieder neuen letzten Schritten). Wird es wehtun ich zu sein? Ist die Meinung anderer, dann noch relevant für mich, wenn ich ich bin?
Und die Frage aller Fragen: „Wer bin ich (dann)?“
Verfasser: Anonym

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