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Image by Debby Hudson

Der Tod und das Leben – zwei Kapitel derselben Reise

Eine Mutter liegt im Sterben. Die Krankheit hat ihr bereits vieles genommen – Erinnerungen, Kraft und zunehmend auch die Verbindung zu ihrem bisherigen Leben. Es ist absehbar, dass ihr nur noch wenige Tage bleiben.


„Du musst ihr sagen, dass sie gehen darf. Dass du sie gehen lässt.“


Ein liebevoll gemeinter Rat einer Freundin. Doch für meine junge Klientin war dieser Satz kaum auszuhalten. Immer wieder versuchte sie, ihn ihrer Mutter zu sagen. Und jedes Mal spürte sie denselben Widerstand:

„Ich kann das nicht.“


Im Gespräch fragte ich sie, was dieser Satz für sie eigentlich bedeutet. Die Antwort kam erst nach mehreren Anläufen. Dann sagte sie leise:

„Wenn ich ihr erlaube zu gehen, dann erlaube ich auch, dass ich sie vergesse.“


Dieser Gedanke berührte mich sehr.


Wie schmerzhaft ist es, einen Menschen zu verlieren, mit dem man die ganze Kindheit verbindet? Einen Menschen, den man liebt. Einen Menschen, der Teil oder die Basis der eigenen Geschichte ist.

Natürlich meinte die Freundin etwas anderes. Sie wollte vermutlich ausdrücken, dass es der Sterbenden helfen kann loszulassen. Vielleicht stimmt das sogar auf einer seelischen Ebene.

Aber ich glaube nicht, dass ein sterbender Körper davon abhängig ist, ob wir diese Worte aussprechen oder nicht und im Trauerprozess gibt es auch kein „Muss“.

Niemand muss einen bestimmten Satz sagen. Niemand muss auf eine bestimmte Weise trauern. Und niemand muss „loslassen“, wenn sich das für das eigene Herz falsch anfühlt.


Ich persönlich betrachte das Leben als eine Art Schule und respektiere die natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Daseins.

Wir alle sind Lernende und Lehrende zugleich. Wir begegnen einander, machen Erfahrungen, lieben, verlieren, wachsen und scheitern. Genau darin liegt für mich der Sinn unseres Daseins.

Unser Körper ermöglicht uns diese Erfahrungen auf diesem Planeten. Er ist perfekt an diese Welt angepasst. Doch er gehört uns nicht für immer. Er ist nur eine Leihgabe, und irgendwann kommt der Moment, in dem wir diesen zurückgeben müssen. Im besten Fall nach einem langen und erfüllten Leben und als Vollendung dessen.

Vielleicht kehren wir irgendwann in anderer Gestalt zurück und sammeln neue Erfahrungen, lernen neue Lektionen und schreiben neue Geschichten.

Manchmal stelle ich mir vor, wie wir nach unserem Leben nach Hause kommen und denen, die schon dort sind, von diesem krassen Trip erzählen:

Von den Menschen, die wir geliebt haben, den Fehlern, die wir gemacht haben. Von den Wundern und Katastrophen, die wir erlebt haben.

Und vielleicht lachen wir gemeinsam über diese Geschichten und fantasieren, dass wir beim nächsten Mal als Mönch in einem abgelegenen Teil dieser Welt wiederkommen wollen, einfach um ein Leben in Ruhe und den Klängen von Klangschalen zu führen.


In vielen Kulturen gehört der Tod selbstverständlich zum Leben dazu. Während der Körper vergeht, bleiben die Spuren eines Menschen in unseren Erinnerungen, in unseren Entscheidungen, in unseren Gefühlen und in den Geschichten, die wir weitererzählen.

Es wird getrauert, geweint und vermisst und zugleich wird gefeiert, dass dieser Mensch gelebt hat.


Ich selbst feiere jedes Jahr Samhain – das Fest meiner Familie und meiner Ahnen.

Dann decke ich einen zusätzlichen Teller für diejenigen, die nicht mehr körperlich anwesend sind. Ich stelle Fotos und Blumen auf und erinnere mich an sie. Ihre Liebe, ihre Geschichten und ihre Erfahrungen sind weiterhin Teil meines Lebens. Sie sind nicht verschwunden, sie haben nur keinen Körper mehr.

Deshalb würde ich einem sterbenden Menschen vielleicht nicht sagen:

„Du darfst gehen.“, sondern eher: „Danke.“.

Danke für dein Leben und im Beispiel der Mutter, danke für mein Leben. Danke für die gemeinsame Zeit. Danke für alles, was ich durch dich lernen und verändern durfte. Ab hier schaffe ich es alleine weiter. Und wenn die Zeit gekommen ist, freue ich mich auf ein Wiedersehen.


Für mich ist der Tod nicht das Ende sondern die Vollendung der Geschichte namens Leben.



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