Die Grauen Herren aus Momo tragen heute keine Hüte mehr
- Ellen Hanau
- 11. Juni
- 4 Min. Lesezeit
„Ich lebe fremdgesteuert.“
Dieser Gedanke kam mir an einem Morgen in einem fremden Bett, 450 Kilometer von zuhause entfernt. Bevor jetzt falsche Bilder entstehen: Nein, es war keine romantische Flucht aus dem Alltag. Ich war für eine Fortbildung angereist. Monate zuvor hatte ich alles sorgfältig geplant. Die Buchung war bestätigt, die Rechnung bezahlt, der Termin im Kalender eingetragen.
Danach verschwand das Ganze aus meinem Bewusstsein.
Der Gedanke, dass ich fremdgesteuert bin, hätte mich aufwecken sollen, aber ich habe immer noch nicht die Anzeichen als Anlass genommen, um mich noch einmal zu vergewissern, dass alles passt. Selbst Tage zuvor, als sich ein Störgefühl in mir zeigte, weil ich keine Ankündigungsmail erhielt, schaute ich nicht auf die Buchungsunterlagen. Ich mache selten Fehler bei sowas.
Als ich an dem Morgen des Kursbeginns vor verschlossenen Türen stand, suchte ich die Rechnung heraus und erkannte die Unstimmigkeit.
Ein kleiner Fehler auf der Rechnung, eine falsche Jahresangabe in der Beschreibung hätte mich stutzig werden lassen sollen; etwas, das mein Gehirn Monate zuvor als offensichtlichen Schreibfehler abgespeichert hatte, war ein Systemfehler beim Veranstalter.
An meiner Situation änderte das nichts; ich war weit weg von zuhause, die Fortbildung fand nicht statt und die Kosten tun immer noch weh.
Zurück in meiner Unterkunft saß ich auf dem Sofa und tat zwei Stunden lang nichts.
Einfach nichts. Keine Arbeit, keine Termine, keine Aufgaben, keine Ablenkungen.
Und genau das war das Problem. Plötzlich hatte ich etwas, das in meinem Alltag selten geworden ist.
Zeit.
Denn während ich dort saß, bemerkte ich etwas Merkwürdiges: Ich wusste gar nicht mehr, wie man einfach nur da ist.
Mein Alltag läuft normalerweise wie ein gut geöltes Uhrwerk. Aufstehen. Nachrichten hören. Arbeiten. Einkaufen. Sport. Meditation. Online-Kurse. Organisieren. Planen. Erledigen. Abends noch eine Serie oder ein Blick aufs Handy.
Von außen betrachtet wirkt alles geordnet, produktiv, erfolgreich und genau deshalb bemerkte ich lange nicht, wie sehr ich nur noch funktionierte. Vollkommen paradox, ist es doch etwas, das ich bei anderen Menschen durch meine Arbeit anhalte oder verändere und nun hat es mich selbst gefangen. Ich musste laut lachen.
Kennst du die Geschichte von Momo und den Grauen Herren von Michael Ende? Da waren sie, meine grauen Herren und der Nebel von den Zigarren der gestohlenen Zeit hat mich eingelullt.
Sie stehlen den Menschen ihre Zeit nicht mit Gewalt, nicht durch Zwang. Sie überzeugen die Menschen lediglich davon, dass jede Minute genutzt werden muss, dass Zeit gespart werden kann, dass Effizienz wichtiger ist als Leben.
Die Menschen in der Geschichte bemerken den Verlust zunächst gar nicht. Im Gegenteil: Sie glauben sogar klüger und erfolgreicher zu werden, bis sie feststellen, dass aus ihrem Leben etwas verschwunden ist:
Freude - Nähe - Tiefe - Zeit
Vielleicht tragen die Grauen Herren heute keine grauen Anzüge und Melonen mehr. Vielleicht wohnen sie in Smartphones, Terminkalendern, Newsfeeds und To-do-Listen.
Vielleicht flüstern sie uns nicht zu, Zeit zu sparen, sondern Zeit optimal zu nutzen.
Der Effekt bleibt derselbe.
Wir hetzen von Aufgabe zu Aufgabe und glauben, wir würden unser Leben gestalten. Tatsächlich verbringen wir oft große Teile davon im Autopiloten.
Mir wurde auf diesem Sofa bewusst, wie viel Lebenszeit ich konsumierte, ohne wirklich anwesend zu sein. Nicht nur Medien, auch Dinge.
Wie oft bestelle ich etwas online, weil ich glaube, es zu brauchen? Wie oft klicke ich auf „Jetzt kaufen“, ohne mir die Zeit zu nehmen, überhaupt zu spüren, ob ein Bedürfnis dahintersteht?
Konsum entsteht oft dort, wo die Verbindung zu uns selbst verloren geht.
Wer keine Zeit hat, innezuhalten, hat auch keine Zeit zu prüfen, was er wirklich braucht.
Dann wird Kaufen zur Beschäftigung, Unterhaltung zum Zeitfüller, das Handy zur Dauerbegleitung, und irgendwann verwechseln wir Konsum mit Leben.
Die Grauen Herren freuen sich.
Was mich besonders zum Schmunzeln brachte, war die Erkenntnis, dass ich selbst Menschen täglich Zeit schenke. In meiner Praxis dürfen Menschen ankommen. Dort gibt es keine Hektik, keine Stoppuhr, keine Grauen Herren. Es gibt Ruhe, Natur, Kunst und die Einladung, für einen Moment einfach da zu sein.
Und ich?
Ich bemerkte, dass ich selbst längst wieder im Nebel unterwegs war. Nicht aus Unzufriedenheit, im Gegenteil. Ich liebe meine Arbeit.
Vielleicht macht genau das die Sache so tückisch. Wenn wir etwas gern tun, merken wir oft nicht, wann wir beginnen, uns darin zu verlieren. Dann verschwinden die Tage nicht in Langeweile, sondern in Aktivität. Die Ergebnisse sind sichtbar, die Erfolge messbar.
Und trotzdem bleibt manchmal das Gefühl zurück, das Leben eher erledigt als erlebt zu haben.
Viele Menschen versuchen diesem Gefühl durch Urlaub zu entkommen. Sie arbeiten monatelang auf ein paar freie Wochen hin, um dort endlich durchzuatmen. Für kurze Zeit gelingt das auch. Doch kaum sind die Koffer ausgepackt, beginnt der Kreislauf von Neuem. Vielleicht liegt die eigentliche Frage nicht darin, wie wir den nächsten Urlaub finanzieren. Vielleicht sollten wir uns fragen, warum wir überhaupt regelmäßig aus unserem Leben fliehen müssen. Was wäre, wenn wir den Urlaub nicht nur auf zwei Wochen im Jahr verteilen würden? Was wäre, wenn wir mehr davon in unseren Alltag holen? Nicht als Luxus, sondern als Haltung.
Momo hat den Menschen keine Zeit geschenkt, weil sie besonders viel davon besaß. Sie hat ihnen Zeit geschenkt, indem sie wirklich anwesend war.
Vielleicht beginnt genau dort ein anderes Leben.
Nicht in noch mehr Produktivität, nicht in noch mehr Konsum, sondern im Ankommen.
Hier.
Jetzt.
An diesem seltsamen Tag, weit weg von zuhause, bekam ich unfreiwillig einige Stunden Zeit „geschenkt“. Stunden, die ich ursprünglich ganz anders geplant hatte.
Am Ende sammelte ich Tannenzapfen, ging spazieren und tat etwas, das ich lange nicht mehr getan hatte:
Nichts.


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